Stand der ISO 20022-Migration in internationalen RTGS-Systemen
Real-Time Gross Settlement Systeme (RTGS) bilden das Rückgrat des Großbetragszahlungsverkehrs – hier werden Zahlungen in Zentralbankgeld endgültig und unwiderruflich abgewickelt. Die Einführung des neuen globalen Zahlungsnachrichtenstandards ISO 20022 gilt als Meilenstein für Effizienz, Datenreichtum und Interoperabilität im Zahlungsverkehr.
Viele Zentralbanken haben in den letzten Jahren intensive Modernisierungsprojekte gestartet, um ihre RTGS-Systeme von veralteten Nachrichtentypen (MT-Standards wie SWIFT MT) auf den XML-basierten ISO 20022-Standard umzustellen. Zum Stand Juni 2025 geben wir hier einen Überblick.
Die Umstellung der RTGS-Systeme auf ISO 20022 ermöglicht es, deutlich umfangreichere und strukturiertere Daten mit einer Zahlung zu übermitteln – etwa ausführlichere Verwendungszwecke, Rechnungsreferenzen und weitere regulatorisch relevante Informationen – und erleichtert so automatisierte Verarbeitung, Compliance-Prüfungen und internationale Harmonisierung.
Die globale Migration auf ISO 20022 verläuft jedoch nicht einheitlich: Während einige Länder ihre RTGS-Systeme bereits vor Jahren erfolgreich umgestellt haben, hängen andere noch hinterher oder planen die Umstellung erst für die kommenden Jahre. Etwa die Hälfte der Zentralbanken weltweit hat ihre RTGS-Systeme bislang noch nicht vollständig auf ISO 20022 umgestellt. Allerdings hat sich die Adoptionsrate insbesondere 2023 und 2024 stark erhöht, da eine Reihe großer Marktinfrastrukturen – oft im Zuge der globalen SWIFT-Migration für Auslandszahlungen – den Wechsel vollzogen haben.
Von den 49 Zentralbanken, die im Rahmen der Payments Benchmarks 2025-Erhebung Daten zum ISO 20022-Status meldeten, haben 44,9 % ISO 20022 bereits vollständig eingeführt, weitere 6,1 % zumindest in einigen ihrer Zahlungssysteme (aber noch nicht in allen) umgesetzt. Die verbleibenden knapp 49 % dieser befragten Zentralbanken nutzen ISO 20022 in ihren RTGS-Systemen noch gar nicht. Von diesen Nachzüglern planen jedoch fast alle die Migration in naher Zukunft – nur vier Zentralbanken (rund 15 % der Nicht-Adopter) hatten Ende Juni 2025 noch keinen konkreten Umstellungsplan
Hier folgend ein ein Überblick auf die entsprechenden Entwicklungen im Detail:
Globaler Überblick (Stand: Juni 2025)
In Europa sind nahezu alle großen Zentralbanken entweder bereits auf ISO 20022 umgestiegen (z. B. EZB mit T2, Bank of England mit CHAPS, Schweiz mit SIC) oder stehen kurz vor der Umstellung (z. B. Schweden, Dänemark, Norwegen). In Nordamerika nutzt Kanada den neuen Standard seit März 2023 (Lynx), während die USA mit Fedwire die Migration für Juli 2025 planen. Das privatwirtschaftlich betriebene CHIPS hat bereits 2024 umgestellt.
In Asien sind führende Volkswirtschaften wie Indien, China, Japan und Singapur weit fortgeschritten; viele ASEAN-Staaten (Malaysia, Thailand, Philippinen) haben ihre RTGS-Systeme bereits erfolgreich migriert. Australien befindet sich in der letzten Phase vor Vollumstellung, Neuseeland ist in Vorbereitung.
Im Nahen Osten zählen Saudi-Arabien und Südafrika zu den Vorreitern, während andere Staaten wie die VAE oder Katar an neuen Plattformen mit ISO 20022 arbeiten. In Lateinamerika sind Mexiko und Kolumbien in der Planungsphase, Brasilien hat bisher keinen festen Umstellungstermin.
Insgesamt zeigt sich: Die große Mehrheit der Zentralbanken hat ISO 20022 bereits eingeführt oder plant den Wechsel bis spätestens Ende 2025 – mit nur wenigen Ausnahmen.
Gründe für Verzögerungen und Nicht-Umstellungen
Die Verzögerungen bei der Umstellung auf ISO 20022 im RTGS-Bereich lassen sich im Wesentlichen auf fünf Hauptfaktoren zurückführen, die sich je nach Land unterschiedlich auswirken:
1. Technische Komplexität: Viele RTGS-Systeme basieren auf älteren Infrastrukturen, die nicht ohne Weiteres auf ISO 20022 umgestellt werden können. Die Migration erfordert tiefgreifende Systemanpassungen, umfassende Tests und die Integration zahlreicher Teilnehmer. In Brasilien etwa ist das RTGS-System STR technisch veraltet – die Zentralbank zögert mit der Umstellung und verfolgt bislang keinen konkreten Migrationsfahrplan.
2. Ressourcenmangel: Insbesondere kleinere oder wirtschaftlich schwächere Zentralbanken verfügen nicht immer über die notwendigen Mittel, um ein so umfangreiches Projekt umzusetzen. Zudem konkurriert die ISO 20022-Einführung oft mit anderen strategischen Vorhaben. In vielen afrikanischen Ländern liegt der Fokus aktuell eher auf dem Ausbau von Instant Payments oder grundlegender IT-Infrastruktur als auf der RTGS-Migration.
3. Abhängigkeit vom Bankensektor: Die Migration erfordert auch auf Seiten der Geschäftsbanken umfangreiche technische Vorbereitungen. Wenn diese nicht bereit oder überfordert sind, kommt es zu Verzögerungen. Ein Beispiel ist die Verschiebung des Fedwire-Migrationsdatums in den USA von März auf Juli 2025 – ausgelöst durch Rückmeldungen aus der Industrie, die mehr Zeit für Tests und Anpassungen forderte.
4. Geringe Dringlichkeit: In Ländern mit einem stark lokal ausgerichteten Zahlungsverkehr erscheint die Migration oft weniger dringend. Mexiko etwa betreibt mit SPEI ein modernes Echtzeit-Zahlungssystem, das bereits viele Anforderungen erfüllt – allerdings basiert das dortige RTGS-System weiterhin auf einem proprietären Format. Die Umstellung auf ISO 20022 ist zwar geplant, wurde aber bislang nicht priorisiert, da internationale Anschlussfähigkeit vor allem über Korrespondenzbanken realisiert wird.
5. Strategische Bündelung: Einige Zentralbanken koppeln die ISO 20022-Migration bewusst an umfassendere Infrastrukturprojekte. Indonesien beispielsweise will ISO 20022 erst mit der nächsten Generation seines RTGS-Systems einführen – das ermöglicht eine effiziente Einführung aus technischer Sicht, verschiebt den Zeitplan aber um mehrere Jahre.
Ausblick
Bis Ende 2025 dürfte der Großteil der weltweiten RTGS-Systeme auf ISO 20022 umgestellt sein. Der internationale Druck – nicht zuletzt durch das SWIFT-Ende der alten MT-Nachrichten im November 2025 – zwingt auch Nachzügler zur Migration. Große Zentralbanken wie die EZB, die Bank of England und ab Juli 2025 auch die US-Fed haben den Standard bereits etabliert oder stehen unmittelbar vor dem Wechsel. Damit ist ein de-facto-Standard gesetzt, an dem sich auch kleinere Länder orientieren müssen, um international anschlussfähig zu bleiben.
Der Nutzen geht dabei weit über die reine Standardisierung hinaus: ISO 20022 ermöglicht strukturiertere Zahlungsdaten, verbessert die Automatisierung (z. B. bei Verwendungszwecken und Referenzen), unterstützt regulatorische Anforderungen und eröffnet neue Möglichkeiten für Analyse und Innovation.
Langfristig bildet ISO 20022 zudem das Fundament für weitere Entwicklungen – etwa für die Integration mit Instant Payments, die Interoperabilität grenzüberschreitender Systeme oder die Einführung digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs). Gleichzeitig zeigen erste Erfahrungen: Die neue Datenfülle und 24/7-Betriebsmodelle stellen höhere Anforderungen an Systemstabilität, Monitoring und Wartungsstrategien.
Die Migration ist daher nicht nur ein technischer Wechsel, sondern ein strategischer Modernisierungsschritt für den gesamten Zahlungsverkehr.